
Es gibt eine Dichtung von Shakespeare, die trägt den Namen Venus and Adonis. Es basiert auf der Geschichte von Venus und Adonis aus Ovid's Metamorphosen. Anders als bei Ovid erwidert Adonis bei Shakespeare die Liebe Venus' nicht. Ich kannte nur die Geschichte Ovid's für eine Zeit lang und betete sie an. So sehr teilweise, dass sie mit meiner Realität verschmolz, ich gab mich voll und ganz dem Handlungsstrang hin. Ich wollte Venus werden, um meinen Adonis zu bekommen. Ovid's Geschichte begleitete mich auf meinem Weg in die Magersucht und in die Klinik. In der Klinik las ich endlich die Dichtung von Shakespeare. Adonis stirbt bei Shakespeare, und Venus spricht einen Fluch aus: Die Liebe wird für jeden immer schrecklich enden, und diese, die am meisten und heftigsten lieben, das größte Leid erfahren müssen. Plötzlich bekam Shakespreare's Version eine viel viel größere Bedeutung für mich. Ich konnte mich nur noch mit seiner Figur Venus identifizieren, denn ich war Venus geworden. Ich hatte mich fast zu Tode gehungert, nur um meinem Adonis zu gefallen, und er stoß mich trotzdem zurück. Ich hatte ihn mehr als meinen eigenen Körper geliebt und ihn ihm geopfert. Dass die Liebesgeschichte kein Happy End besaß, das machte in dieser Situation so viel mehr Sinn für mich. Das Ende von Shakespeare's Stück ist, als Adonis zu einer weiß-roten Blüte wird, die Venus pflückt.
Es gab schon immer etwas, das mich zu dieser Figur Venus hingezogen hat. Meine erste Barbie hieß Venus. Dieses gottgleiche Schönheitsideal fand irgendwie in unserer Familie schon über Generationen hinweg Platz. Meine Mutter heiratete in blau, so blau wie der Planet Venus. Ich hatte Nachtlichter in Form eines blau leuchtenden Kreises. Meine Sonnen auf Kinderbildern waren immer blau. Ich habe ein Venus-Tattoo auf dem Arm. Ich habe einfach eine für viele unverständliche Faszination für die Göttin Venus und alles, was mit ihr in Verbindung steht. Ich habe eine Schwäche für Astronomie und Planeten, für Sterne und für Mystisches, abseits der Esoterik, aber nahe an Fantasie und Traumwelten. Venus bedeutet für mich viel mehr als eine Sage aus der römischen Mythologie, oder ein Steinhaufen im All. Venus ist die Vollkommenheit. Doch trotz allem steht die Venus immer im Schatten der Sonne.